Ein Fall für Jakob Roth
Die dunkle Seite des Weiss
Ein verfallenes Sanatorium, eine tote Patientin, die über hundert Jahre verschwunden war – und ein Geheimnis, das aus dem heutigen Berlin ins Jahr 1911 zurückführt.
Mehr erfahrenYalda Lewin erzählt vom heutigen Berlin, von seinen unsichtbaren Zwischenwelten — und von einem hochsensiblen Ermittler, der spürt, was andere nicht wahrnehmen.
Jakob Roth arbeitet als Ermittler an der Berliner Akademie für paranormale Künste. Seine Hochsensibilität ist für ihn Fluch und Werkzeug zugleich, denn er sieht, hört und fühlt Dinge, die im Verborgenen liegen. Zwischen dem für alle wahrnehmbaren Berlin und seinen mysteriösen Geheimnissen verläuft die feine Grenze zwischen Realität und Fiktion. Und vielleicht ist auch alles ganz anders als gedacht…
Ein Fall für Jakob Roth
Ein verfallenes Sanatorium, eine tote Patientin, die über hundert Jahre verschwunden war – und ein Geheimnis, das aus dem heutigen Berlin ins Jahr 1911 zurückführt.
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Das Prequel
Westberlin, 1988: Jakob Roth entdeckt völlig unerwartet eine Gabe, von der er bisher nichts wusste — und ein Rätsel, das sein Leben für immer verändert.
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Sammelband
Beide Romane in einem Band: von Jakobs Anfängen in Berlin bis zu seinem rätselhaftesten Fall.
Mehr erfahrenEin Blick ins erste Kapitel
Was immer Mirella sich dabei gedacht hatte, mich mit Ernesto Sanchez bekannt zu machen, auf meinen Tod hatte sie sicher nicht spekuliert. Oder doch?
Beginnen wir von vorn: Ein Sonntag im April, Hagelschauer und aufblühende Narzissen, erste Mückenstiche wie die Ankündigung wilden neuen Lebens. Ich hatte mich in meine Wohnung zurückgezogen und das Telefon ausgesteckt. Gelegentlich brauche ich den Rückzug von der Welt. Von Lärm, Großstadttrubel, Menschenmengen und dem ganzen alltäglichen Wahnsinn. Ich bin ein Hochsensibler, auch HSP genannt. HSP steht für »hochsensible Person«. Diese Gabe ist mein Fluch. Und mein Segen. Denn genau damit verdiente ich früher mein Geld. Und genau deshalb klopfte auch Mirella am späten Nachmittag an meine Tür.
»Du solltest umziehen«, sagte sie so ungerührt, als wären nicht Jahre seit unserer letzten Begegnung vergangen, und drängte sich ohne Umschweife an mir vorbei in die Wohnung. Ich verzog die Mundwinkel.
»Fühl dich wie zu Hause. Du kennst dich ja hier aus.«
»Berliner Altbauten. Es ist niemandem zuzumuten, in den vierten Stock zu steigen, nur um dich zu treffen. Dein Telefon funktioniert nicht. Und dein Handy ist aus.«
»Weil ich es eventuell genau darauf angelegt habe«, antwortete ich spitz und schloss sorgfältig die Tür. »Vielleicht will ich ja niemanden hören oder sehen?«
Mirella ließ sich auf meine Couch fallen, schlug die langen Beine übereinander und lächelte süffisant. »Tatsächlich? Immer noch der alte Langweiler? Na, dann hätte ich mir den Aufwand ja sparen können.«
Sie sah noch immer hinreißend aus mit ihren langen dunkelbraunen Locken, den funkelnden grauen Augen und dem Talent, sich in eine umwerfende Aura zu kleiden. Sie wusste, dass ich den Blick nicht von ihr abwenden konnte, sobald sie es darauf anlegte. Es war ein Spiel. Wir hatten es beide gespielt, seit wir uns im Programm des Paranormal Arts Institute kennengelernt hatten. Fünfzehn Jahre war das her. Und seitdem war kein Tag vergangen, an dem ich nicht an Mirella gedacht hatte – auch wenn schon lange klar war, dass wir als Paar eine Katastrophe waren. Das Spiel hatte ein unrühmliches Ende gefunden. Eine Scheidung lässt sich nicht wegdiskutieren. Und doch spukte sie noch immer in meinen Gedanken herum. Sie war überall. Im samtigen Nachtblau und in den Schatten der Nachmittage am See, im flirrenden Staub der Straßen, im Trubel der Kreuzberger Kneipen und in den Küssen jeder Frau, die ich in meine Arme schloss. Mirella konnte Illusionen heraufbeschwören, aus denen sich niemand mehr lösen wollte, und blieb selbst unbeteiligt. Das war ihre Gabe.
Sie legte den Kopf schief und musterte mich. »Lange nicht gesehen, Jakob. Alles in Ordnung? Du siehst müde aus.«
Ich zog einen Stuhl heran und ließ mich darauf fallen. »Mirella, ehrlich, mir ist nicht nach Plaudereien. Was zur Hölle willst du hier?«
Sie schenkte mir einen tiefen Blick. »Begrüßt man so eine alte Freundin?«
Dann seufzte sie, griff nach ihrer Tasche und zog einen Stapel Papier hervor. »Hier!«, sagte sie und drückte mir die Dokumente in die Hand. »Brenner meinte, du sollst dir das mal ansehen.«
Ich ließ das Papier fallen, als hätte es mit scharfen Zähnen nach mir geschnappt. »Interessiert mich nicht.« Rasch stand ich auf, ging zum Fenster und schob vorsichtig den Vorhang zur Seite. Mein Blick wanderte nach unten, die Straße entlang. Dicht gedrängt parkten Autos, hier und da eilten Fußgänger mit gesenkten Köpfen durch den Regen. Doch nirgends die dunklen Wagen der Akademie, die sich durch ihre auffällige Unauffälligkeit auszeichneten. Zumindest für Eingeweihte. Und keine verdächtig aussehenden Personen. Doch das musste nichts heißen.
»Lass mich raten: Scharfschützen auf den umliegenden Dächern?« Der sarkastische Unterton in meiner Stimme blieb Mirella nicht verborgen.
»Keine Sorge, ich bin allein. Und du musst nicht mitkommen, wenn du das nicht möchtest«, sagte sie leise.
Ich wandte ihr den Blick zu und fiel für Bruchteile einer Sekunde in nebelgraue Augen. Dann straffte ich mich. »Als ich das letzte Mal in die Akademie wollte, wurde ich fast verprügelt. Ich war es nicht, der die Sache unrühmlich beendet hat. Und jetzt hat Brenner dich geschickt? Damit ich was genau tue?«
Sie lächelte und deutete mit einem leichten Nicken auf die Papiere, die auf dem Parkettboden verstreut lagen. »Steht alles da drin. Sieh es dir an, ja? Bitte. Ganz in Ruhe. Und dann melde dich.«
»Wohl kaum«, antwortete ich eisig. Ich hatte allen Grund dazu, unfreundlich zu sein. Die Akademie hatte mich ausgebootet. Nicht einmal auf Mirella hatte ich mich verlassen können, als es ernst geworden war. Und das ließ sich nicht so einfach vergessen, auch wenn mein Herz bei ihrem Anblick einen Sprung machte – einen größeren als mir lieb war. Unsere Beziehung war immer besonders gewesen. Wir waren wie zwei Pole, die sich gegenseitig abstießen und im nächsten Moment unwiderstehlich anzogen. Das hatte es so schwierig gemacht. Und so unausweichlich.
Mirella erhob sich und strich ihren kurzen Mantel im Uniformstil glatt, der typisch für die Mitarbeiter der Akademie war. Ihr Blick fiel auf meine Klarinette, die auf einem kleinen Tisch am Fenster lag. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. »Spielst du noch?«
Ich nickte steif. »Manchmal.«
Mirella ging zu dem Instrument und strich vorsichtig mit den Fingerspitzen darüber. Dann runzelte sie die Stirn. »Ich wünschte, du wärst nicht so verdammt stur. Fehler passieren jedem von uns. Und niemand hat jemals deine großartigen Fähigkeiten angezweifelt, niemand …«
»Ich habe keinen Fehler gemacht«, antwortete ich kühl. »An der Sache war was faul. Von Beginn an. Und versuch erst gar nicht, mich zu manipulieren, Mirella. Du weißt genau, bei mir funktioniert das nicht.«
Mirella presste die Lippen zusammen. Dann nickte sie. »Wenn du das so siehst, dann kann ich dir nicht helfen. Aber du solltest wissen, dass die Akademie dich schätzt. Und dass du fehlst. Gerade jetzt.«
»Das sind ja ganz neue Töne. Und wem genau fehle ich?«
Mirella blickte mich einen Moment schweigend an. Dann deutete sie nochmals auf die Papiere. »Ich lasse das hier. Sieh es dir an!« Damit drehte sie sich um und verschwand ohne ein weiteres Wort aus meiner Wohnung. Zurück blieb der leise Hauch ihres Parfüms, verschattet wie eine Ahnung.